Ein Paradies mit Fehlern

 

Wetzlar (ag) Regenwald, Reisterrassen, weiße Strände, aktive Vulkane – die Philippinen sind ein Urlaubsparadies. Gleichzeitig herrscht dort auch große Armut, vor allem sichtbar in der Megacity Manila, und ein großes Wohlstands- und Machtgefälle, denn nur 140 Familien besitzen fast das gesamte Vermögen des Landes und auch die politische Macht. Eine Mittelschicht ist kaum vorhanden.

 

Silvia Winkler vom Oikokredit Förderkreis Hessen-Pfalz hatte selbst im Januar die Philippinen bereist und berichtete auf Einladung des Eine-Welt-Haus Wetzlar im Gertrudishaus von den vielfältigen Eindrücken, die sie in diesem abwechslungsreichen Land gewonnen hatte. 300 Jahre lang waren die Philippinen eine spanische Kolonie, was sich vor allem noch in der alten Bausubstanz wiederfinden lässt. Für die Gesellschaft jedoch noch prägender war die 100-jährige amerikanische Präsenz, denn das Schul- und Gesundheitssystem wurde übernommen, so dass es kaum Analphabetismus gibt und die Geschlechtergerechtigkeit in Bezug auf Bildung, Erbrecht und anderes sogar noch vor jener in Deutschland liegt. Fast 50 Prozent der Führungskräfte sind Frauen, auch wenn die Kinderbetreuung und Haushaltsarbeit noch immer Frauensache ist. Da die Philippinien zu mehr als 80 Prozent katholisch sind, gibt es allerdings bis heute kein Scheidungsrecht, was sonst nur noch im Vatikan der Fall ist.

 

Bereits die spanische Kolonialherren vertrieben die indigene Bevölkerung in die Berge, in deren kargen Hängen sich kaum Lebensmittel anbauen lassen. So ist die dort lebende Bevölkerung nach wie vor von großer Armut bedroht, so dass sehr viele der in den Städten lebenden Straßenkinder aus dieser Bevölkerungsgruppe stammen. Diese Kinder überleben durch Diebstahl, Bettelei und Prostitution. Ihnen widmet sich die Hilfsorganisation Preda, welche durch den irischen Priester Shay Cullen gegründet worden ist. Cullen holt Kinder aus Bordellen, gründete Häuser, in denen die Kinder leben, eine Schulbildung und auch eine Therapie erhalten, und versucht, Ihnen zumindest teilweise, ihre Kindheit zurück zu geben. Er setzt sich auch aktiv für die Verfolgung der Täter ein. Gleichzeitig kämpft er dafür, dass verhaftete Straßenkinder nicht mehr mit erwachsenen Straftätern in eine Gemeinschaftszelle gesperrt, sondern in Gefängissen für Jungen und für Mädchen untergebracht werden. Ihm geht es aber auch darum, die Ursache dafür, dass die Kinder auf der Straße landen, zu bekämpfen: die Armut in den Familien. Auf den Philippinen wachsen überall Mangos und Preda wandelte diese Frucht unterstützt von Oikokredit in einen Exportschlager um. Durch die Ernte und die Verarbeitung werden so Mittel generiert, die in erster Linie den heimischen Bauern zugute kommen. Durch einen festen Anteil, der an die Gemeinschaft geht, wird auch die Ausstattung der Dorftgemeinschaft, zum Beispiel mit einem gemeinsamen Wasserbassin, verbessert. Auch die Projekte von Preda werden zum Teil aus dem Erlös mitfinanziert.

 

Eine weitere Form der Armutsbekämpfung, die Oikokredit mitfinanziert, ist die Vergabe von Mikrokrediten, die in erster Linie an Frauen vergeben werden, da diese eine größere Disziplin bei der Rückzahlung haben. Winkler stellte einige Beispiele für einen erfolgreichen wirtschaftlichen Anstoß vor. So finanzierte Josephine Joco mit einem Kredit ein Straßenrestaurant. Nach der Rückzahlung plant sie schon die Anschaffung eines Jeepneys, ein Jeep mit mit Sitzbank, den ihr Mann dann als Taxi einsetzen soll. Ihr inzwischen gewachsener Wohlstand lässt sich daran ablesen, dass sie mit ihrer Familie bereits in einem Haus mit Steinwänden lebt, während der Großteil der armen Bevölkerung in Hütten aus Holz und Abfall lebt. Auch das Geschäft der Venus Sadang ist eine Erfolgsgeschichte: Zur Bekämpfung der Goldschnecke in den Reisfeldern waren Aale importiert worden, die sich stark vermehrten. Aale werden auf den Philippinen nicht gegessen, sind aber in Taiwan eine Delikatesse. Sadang machte aus dem Export ein Geschäft und schuf gleichzeitig ein Zusatzeinkommen für das ganze Dorf, da dessen Einwohner sie mit den Aalen beliefern.

 

Insgesamt unterstützt Oikokredit auf den Philippinen 34 Partnerorganisationen, Genossenschaften und Mikrofinanzorganisationen und erreicht damit rund 2,7 Millionen Endkunden. Oikokredit arbeitet mit den Einlagen der Sparer, die sich bewusst für eine ethische Geldanlage entschieden haben. Einige der Produktionsprojekte, die von Oikokredit gefördert werden, vertreiben ihre Produkte über die Weltläden, allen voran natürlich die Mangoprodukte von Preda. Diese wurden den Besuchern des Vortrags vom Weltladen Wetzlar mit einer Verköstigung vorgestellt.